Andreas Schön

Andreas Schön hat bei Norbert Tadeusz und Gerhard Richter studiert. Er lebt und arbeitet als freier Künstler in Düsseldorf. Dort kuratiert er außerdem Ausstellungen im Dok25a.
Weiteres finden Sie unter: http://www.andreasschoen.com/ANDREAS_SCHOEN.html

Die praktischen Ateliers sollen eine Einladung zum freien Gestalten sein, das unter seiner Anleitung professionalisiert wird.

Andreas Schön, Terrain

Eine Rede von Klaus Wittkamp am 4. September 2002 / Deutsche Bank Köln
 
Unter all den Bildformen, die die Malerei hervorgebracht hat, ist eigentlich keine leichter zu verstehen als die Landschaft. Man erkennt einen Himmel, man erkennt die Erde und dazwischen eine Horizontlinie, die eindeutig ´oben´ und ´unten´ markiert. Über dem Horizont schweben zumeist Wolken, und unterhalb dieser Linie finden wir Bergmassive, Küstengebiete oder Stadtansichten, auch Jahreszeiten in duftiger Aufbereitung oder spontan hingeworfene Impressionen aus Farbe und Licht. Landschaften eignen sich als Bühne für arkadische Sehnsuchtsmotive, für paradiesische Gärten und heroische Auftritte mythischer Helden. Man findet sich zurecht in Landschaften: what you see is what you get.
 
91-0402.jpgAber sind es tatsächlich Landschaften, Stimmungsräume, die den unvertrauten Ort, dem sie entstammen, längst vergessen haben? Dieser unvertraute Ort ist kein anderer als die Natur. Natur ist die Bedingung für Landschaft, und dennoch ist Natur etwas ganz anderes als Landschaft. Natur finden wir vor der Natur sind wir ausgesetzt, Natur ist ungestaltet, gewaltig und älter als wir selbst. Landschaft ist die Übersetzung von Natur in ein Bild, ist immer geschaffen, ist also Resultat menschlicher Einsicht in die Erscheinungsformen der Natur. „Die Imagination“, so Baudelaire, „macht erst die Landschaft“. Und Max Friedländer bemerkt: „Das Land ist die Erdoberfläche..., Landschaft dagegen das Gesicht des Landes, das Land in seiner Wirkung auf uns.“
 
Worin besteht das gestaltende Prinzip, das Natur in Landschaft verwandelt? Aus den Landschaftsbildern, die wir heute abend hier sehen, können wir ungemein viel über diesen Prozeß der Transformation von unendlichem Raum in das Ordnungsgefüge der Landschaft erfahren. Den die Landschaften von Andreas Schön sind Landschaften in seinem ursprünglichem Sinn, d.h. in einem Sinn, der Landschaft tatsächlich noch auf den unvertrauten Ort der Natur bezieht. Bei ihm entstehen ausdrücklich keine Stimmungsräume, die auf Effekt oder Pose oder Pathos berechnet sind; es handelt sich auch nicht um die Wiedergabe von Orten, mit denen der Bildungsreisende die topographisch wichtigsten Erinnerungen an Apulien oder Campagna oder anderes kulturgeschichtliches Terrain wiederfinden könnte. Es sind Landschaften, die sich den Grundbedingungen der Naturerfahrung nähern. Ihr Ausgangspunkt ist die Erfassung von Raum (und dessen Tiefendimension und Fläche), ist die Struktur der Dinge, ist die Wahrnehmung des Lichtes (und dessen Transparenz und Dichte).

Die Landschaften, die wir heute abend sehen, sind überwiegend in Italien entstanden, an der ligurischen Küste oder auf Sizilien, also unter jenem mittelmeerischen und südlichen Licht, das seit Dürers Reisen über die Alpen für viele Generationen von Landschaftsmalern zu einer verbindlichen Herausforderung wurde. Im Gegensatz zu Düreres Landschaften aber entstanden die Bilder Andreas Schöns nicht unter italienischem Himmel. Dort ergaben sich allein die Eindrücke und Motive, die als Vorbild zu ihnen dienten. Gemalt wurden die Landschaften im Atelier, eben nicht unter freiem Himmel, nicht angewiesen auf Stimmung, spezielle Lichtverhältnisse oder direkten Blickkontakt zu einem bedeutenden Bauwerk oder landschaftlichen Motiv.

Welcher Ort entsteht auf der Leinwand und an welchem Ort befindet sich ein Maler, wenn er in einem Düsseldorfer Atelier eine apulische Landschaft malt - sich erinnernd an tausend Gänge durch die Landschaft, mit Bildern aus Ovids Metamorphosen im Kopf und mit Geschichten von Friedrich II. von Hohenstaufen, der in Apulien dieses rätselhafte Castel del Monte errichtete? Wie kann ein einziges Bild entstehen, an dem so viele Orte, Zeitumstände und Befindlichkeiten zusammengefaßt werden müssen?
91-0401.jpgSie sehen, meine Damen und Herren, auf welch abstraktem Gelände wir uns bewegen, obwohl so viel Wirklichkeit aus diesen Landschaftsbildern spricht. Die Behauptung ´What you see is what you get´ verliert spätestens hier ihre Tragfähigkeit.
 
Die Landschaften sind mit nahezu fotografischer Detailgenauigkeit wiedergegeben. Aber sie sind das Gegenteil von Abbildern oder gar abgemalter Fotografien. Sie sind streng komponiert nach Gesetzen, die das Bild dem Maler abverlangt. Indem er seine zahllosen Wahrnehmungen und Natureindrücke ordnet und in einem einzigen Bild verdichtet, bringt das Motiv der Landschaft, den Blick auf die Landschaft erst hervor. Was einst Natur war, wird im Bild zur Landschaft komprimiert. Deshalb , bei aller Nähe zu fotografischem Eindruck und zur tatsächlich existierenden Landschaft irgendwo zwischen Apulien und Kalabrien – es sind höchst abstrakte Bilder, die hier entstanden sind, imaginäre Räume, in denen weniger über die Vorzüge südlicher Topographie, aber um so mehr über die Grundlagen von Wahrnehmung und Sichtbarkeit zu erfahren ist.

Verhaltene Farbabstufungen und eine klare Lichtregie beschreiben präzise und authentisch das hügelige Land, die Felder und Ackerfurchen, die Baumgruppen, Büsche und Wege. Und dennoch, in Opposition zum gegenständlichen Tatbestand, werden die Landschaften von allem befreit, das sie irgendwie charakterisieren oder typisieren könnte. Ein Gerüst aus Sachlichkeit überlagert das Sichtbare, eine Ausformung des Rätselhaften überdeckt die Wirklichkeit. Es herrscht eine eigentümliche Nicht-Stimmung, menschenleer, ohne Ereignis und Handlung. Offenbar ist es nicht wichtig, daß eine bestimmte Landschaft wiedererkannt werden soll, nicht Paterno´ auf Sizilien, nicht Olynth im nördlichen Griechenland. Es scheint ohne Bedeutung, entscheiden zu müssen, ob das diesige Licht auf die Hügel Apuliens oder doch eher auf jene der Campagna fällt. Wichtiger scheint die Erkenntnis, daß es hier, unabhängig von Ort, Tageszeit oder subjektiver Stimmung des Malers, um die Essenz von Licht, die Essenz von Landschaft und Raumdarstellung geht. Und wichtig ist natürlich auch, daß die scheinbar so unbekannte, austauschbare Landschaft im Bildtitel wieder als das erkennbar wird, das sie jeder Beliebigkeit entzieht: erkennbar als bedeutsamer Ort, der allein durch seinen Namen eine Vielzahl von Assoziationen freisetzen kann.

Dieses Wechselspiel zwischen unscheinbarem Bildmotiv und erhabenem Bildtitel eröffnet eine ungewöhnliche Perspektive im Umgang mit Landschaft. Es setzt uns in die Lage, unvoreingenommen die konventionelle Auseinandersetzung mit Landschaft zu hinterfragen und ermöglicht zugleich einen freien Blick auf die Bedingungen und Grundlagen ästhetischer Darstellung. Gerade weil Andreas Schön sich nicht mit einem vorgegebenen Landschaftsbild gemein macht, weil er das Ausschnitthafte bevorzugt und distanziert Beobachter bleibt, verweisen seine Landschaften so nachdrücklich auf die Natur als ein Ganzes. Gerade weil er die Fülle der sichtbaren Welt so entschieden gegen das Leergeräumte und Unspektakuläre stellt, klären seine Landschaften so glaubhaft das Verhältnis des Menschen zur Natur und sein Verhältnis zu den Prinzipien der Wahrnehmung. Es sind Landschaften, die schlicht und vielschichtig in das Bewußtsein führen, in existenzielle Räume, die uns Aufschluß geben können über das unbestimmte „Terrain“, auf dem wir uns alle befinden.
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Vielleicht war es Samuel Beckett, der in einer seiner späten Schriften die eindringlichste Beschreibung einer Landschaft gab, die sich als unverfügbarer, unermeßlicher Existenz-Raum begreift. Beckett schreibt: „...grauer, wolkenloser Himmel, wellenloses Staubmeer, endlose trügerische Fernen ... und Traum von einem Weg durch einen Raum ohne hier, ohne da, wo alle Schritte der Welt sich nie irgendetwas nähern, sich nie von irgendetwas entfernen.“
„Nur noch schwarzer Himmel. Weiße Erde. Oder umgekehrt. Kein Himmel und keine Erde mehr. Vorbei mit oben und unten. Nichts als Schwarz und Weiß. Gleich wo, überall. Nichts als Schwarz und Weiß. Gleich wo, überall. Nur noch Schwarz. Leere. Nichts anderes.“
 
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Meine Damen und Herren, es ist keineswegs meine Absicht, Sie in das kryptische Dunkel der Landschaften Samuel Becketts zu führen. Wir betrachten heute abend Bilder, die weit entfernt von schwarzen Flächen und Endzeitvisionen. Es sind Bilder, die von der Schönheit des Sichtbaren sprechen, von der Leidenschaft des Sehens. Aber sie sprechen ebenso von der Verwandlung einer vertrauten Welt in eine fremde – um erst in der Erkenntnis des Fremden jenes „Terrain“ abzustecken, das uns ruhelosen Betrachtern einen zurechnungsfähigen Ort in der Welt vermitteln kann. Es verbindet die Bilder von Andreas Schön und Samuel Beckett der Wille, dem Geheimnis der Wirklichkeit auf die Spur kommen zu wollen. Beide begreifen sie Landschaft als das Andere, das Fremde, die Einsamkeit in uns. In diesem Sinne entstehen Bilder in Bezug zur schwarzen Fläche des Weltalls und zur weißen Fläche der Leinwand. Sie führen uns vor Augen den vielleicht einzigen authentischen Ort, an dem wir innerhalb der allumfassenden Natur und den unendlichen Räumen ein Zuhause, eine selbstgewählte Ordnung, unser eigenes Terrain finden können.
 
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