Gunter Jäckle

Wir konnten Herrn Gunter Jäckle dafür gewinnen, unser Atelierangebot für Malerei zu leiten. Ein Blick in sein Atelier zeigt, dass er sich auf der Leinwand technisch meisterlich und völlig frei zwischen Abstraktion und Konkretion bewegen kann und immer wieder in geänderter Perspektive Welt befragt. Ich bin gerade sehr froh, die hervorragende Arbeit von Herrn Schön durch Herrn Jäckle fortgesetzt zu sehen. 

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung

Projektraum-Bahnhof 25, Kleve , 21.März 2009

Drs.Guido de Werd

...fast hundert Jahre leben wir nun mit abstrakten Bildern, mit der abstrakten Kunst. Wassily Kandinskys Kompositionen um 1910, d.h. die Auflösung von Gegenständlichkeit in seinen farbenfrohen Aquarellen und Bildern gilt landläufig als der Beginn der Abstraktion. Ungegenständlich heißt es seitdem und wenn wir an Malewitsch oder Mondrian und das schwarze Quadrat oder die in blau, gelb und rot gehaltenen Strukturen Denken, dann wissen wir, dass das abstrakte Bild schon kurz darauf mit irgendwelchen Gegenständen Überhaupt nichts mehr zu tun hatte, außer dass es selbst eines war.

Und obwohl wir nun Zeit hatten, uns 100 Jahre daran zu gewöhnen, und Mondrians radikale Abstraktionen jeder 12-jährige kennt, der zum Haarspray greift, fällt uns die Abstraktion immer noch schwer, das heißt, wir können uns einfach an die Ungegenständlichkeit kaum gewöhnen. Immer meinen

wir, etwas in den Bildern erkennen zu müssen. Das geht Besuchern unseres Museums, wie ich beobachten konnte, sogar bei einem so minimalistisch vorgehenden Künstler wie Brice Marden so. Ist da nicht eine Landschaft, Regen? Nein, es sind Striche und Linien, und das ist wichtig zu erkennen. Und so kommen wir hier hinein, in den Projektraum-Bahnhof 25 und sehen die Bilder von Gunter Jäckle. Ich will nicht darauf hinaus, dass man direkt etwas in die Lineaments hineinliest, in ihnen etwas Gegenständliches erkennt, aber es gibt eine Reaktion, die verblüffend viel darüber verrät, wie wir uns den Bildern nähern, nämlich: wir alle empfinden die Linien als verschwommen. Verschwommen heißt aber verwischt, verunklart, unscharf. Als gäbe es etwas Eigentliches, erkennbar Gegenständliches, Scharfes, das durch äußere Umstände wie Wetter oder Wahrnehmungsschwächen verunklart ist. Auf malerischer Ebene ist das ein künstlerischer Prozess, der ungemein viel Sensibilität erfordert. Wenn sie nahe an die Bilder herangehen, sehen sie eine souveräne und doch sehr detaillierte Ausarbeitung, eine vorsichtigen, ja behutsamen Einsatz von überraschenden Farbnuancen. Und so entwickelt sich das auf den ersten Blick schwarz-weiße, graphische, kaligraphische Strukturnetz zu einem immer malerischen Gemälde im eigentlichen Sinne. Die gerade erwähnte Wirkung des leicht verschwommenen führt natürlich im Rückschluss zu einem Motiv, einer unterliegenden Gegenständlichkeit, die hier als Geäst bezeichnet werden kann. Ja, für die Gegenstände haben wir Worte, darüber können wir sprechen, uns verständigen, deshalb haben wir sie auch lieber als die Ungegenständlichkeit, für die uns eher ungefähre,stimmungsgeladene Vokabeln bleiben. Das Geäst in Jäckles Bildern ist aber, wie ich finde, glücklicherweise als all-over-Struktur so angelegt, dass Maßstab, Umfang, Kontur und Kontext außen vor bleiben und bei längerem Hinsehen das Geäst wieder an Bedeutung verliert. So etwa, als wenn sie das Wort aus einem Satz herausnehmen und oft wiederholen. Es verliert seine Bedeutung: Geäst Geäst Geäst Geäst Geäst Geäst Geäst.

Das schöne, feine Bild bleibt für mich, wie sie sehen, ein abstraktes Bild und Gunter Jäckle ein abstrakter Maler, und auch auf die Gefahr hin, dass ich (wie sie vielleicht finden) auf solchen Begriffen herumreite, und auch wenn ich weiß, dass in früheren Bildern von Gunter Jäckle Gegenständliches – fensterartige Gitter z.B. oder architektonische Strukturen auftauchen – so bin ich der Überzeugung, dass das Motiv nicht das Hauptmotiv der Malerei von Jäckle ist, sondern sie selbst.  ... 

Museum Goch, Heft 6
Dr. Jörg Becker
Die Trennende Kluft des Illusionistischen
Zur Malerei Gunter Jäckles

Eines der zentralen Probleme des künstlerischen Phänomen Farbe ist das ihrer "Illusionskraft". Die Idee, dass Farbe ohne jegliche gegenständliche Assoziation wahrgenommen werden könne, erweist sich sehr bald selbst als Illusion, wenn man etwa bestehende Farbtheorien, auch solche des 20. Jahrhunderts, auf ihre Rückbezüge auf konkrete Naturerscheinungen hin untersucht. Das beste Beispiel liefert die allgemeine Charakterisierung der Farbe Blau, der seit jeher eine besondere Tiefe attestiert wurde, die unsere Wahrnehmung für konkrete Referenzen, des Himmels oder des Meeres etwa, empfänglich macht.

Insofern eignet jedem - noch so abstrakten - Gemälde eine seiner jeweiligen Farbigkeit entspringende Räumlichkeit, die die Anschauung des Bildes wesentlich mitbestimmt. Im malerischen Umgang mit dem Medium Farbe ergeben sich darüber hinaus durch Transparenz, Pastosität, Mattheit oder Brillanz der Farbmaterie noch viele andere Faktoren, in denen sich die Räumlichkeit des Bildes konstituiert.

In einem 1994 entstandenen großformatigen Gemälde (abb. 6), verbindet Gunter Jäckle verschiedene Ebenen einer solchermaßen "illusionistisch" zu nennenden Malerei: In der linken Bildhälfte liefert die Wiedergabe eines Ausschnitts aus dem Porträt eines Baumeisters von Anton Raphael Mengs (1728-1779) den Wahrnehmungsimpuls, um auch andere Bereiche des Gemäldes , beispielsweise die Farbbahnen in Zentrum der Komposition, gegenständlich, in diesem Falle als Andeutung eines Vorhangs,zu lesen. Die rechts anschließenden grauschwarzen Farbmassen geben in ihrem impulsiven, großflächigen Auftrag jedoch zu erkennen, dass der Schauplatz jeglichen malerischen Tuns sich auf der Oberfläche des Bildes befindet. Schon 1890 erinnerte Maurice Denis daran, dass "ein Gemälde, bevor es ein Schlachtross, eine nackte Frau oder irgend eine Anekdote ist - wesentlich- eine Oberfläche ist, bedeckt mit Farben in einer bestimmten Anordnung". Gunter Jäckle erprobt in seinem virtuos gemalten Bild die Verbindung dessen, was wir auf und was wir scheinbar hinter der Bildoberfläche zu erkennen glauben. Seine Komposition ist nicht nur als Ausgleich der Farben, sondern auch der Raumebenen zu begreifen.

In den jüngsten Arbeiten (abb.7 zeigt das Atelier des Malers) wird mittels der Reduktion der formalen Gegebenheiten die eben skizzierte Problemstellung auf die Untersuchung des jeweiligen Eigenwerts der Farben und ihre Relation untereinander verdichtet. Das Durch- und Vorscheinen übermalter Farbgründe ist beabsichtigt. Das Miteinander der Farbwerte als eine Art pulsierende Interaktion vollzieht sich nicht nur zwischen den geometrischen Grundstrukturen auf der Bildfläche, sondern auch im Übereinander der einzelnen Farbgründe. Die Bildebene wird nicht mehr als homogene Folie angeschaut, durch die man in den Bildraum hineinschaut, sondern unterliegt der Wahrnehmung der Materialität von Farbe, die einmal als durchlässige Haut, ein anderes mal als dichte Pigmentschicht erscheint. Damit entstehen unweigerlich Brüche zwischen den Farb-Raumebenen. Indem die überholte Kompositionsidee eines intakten Flächengefüges verabschiedet wird, kann sich Farbe für unsere Bildanschauung in zweierlei Hinsicht frei entfalten: sowohl als Substanz wie auch als immaterielles Phänomen.

Komposition bedeutet in den Gemälden von Gunter Jäckle deshalb: Eine Vereinbarung der Farben über die sie trennende Kluft des Illusionistischen hinweg.

Gunter Jäckle wurde 1957 in Bad Cannstatt geboren und studierte 1982-87 an der Akademie in Stuttgart.

1987-89 erhielt er das Graduiertenstipendium des Landes Baden-Württemberg, 1991 wurde ihm das Stipendium an der Cité des Arts, Paris zugesprochen. Seit 1991 ist er in Goch wohnhaft. Das Museum Goch zeigte Arbeiten des Künstlers unter dem Titel "Gunter Jäckle - Einstweilige Erkenntnisse aus dem Atelier des Malers".    

 

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